Wasserwissen
Artesisches Wasser: Wenn die Quelle von selbst steigt
Artesisches Wasser ist Grundwasser unter Druck: eingeschlossen zwischen zwei wasserundurchlässigen Gesteinsschichten, steigt es von selbst nach oben, sobald eine Bohrung ihm den Weg öffnet. Eine Pumpe braucht es dafür nicht. Der Name geht auf die nordfranzösische Landschaft Artois zurück, wo solche Brunnen schon im 12. Jahrhundert gebohrt wurden.
Aktualisiert im August 2026 · 6 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
- Artesisch heisst: Das Wasser steht unter Druck und steigt ohne Pumpe nach oben.
- Der Name geht auf die Landschaft Artois zurück, wo schon im 12. Jahrhundert solche Brunnen gebohrt wurden.
- Über die Zusammensetzung sagt das Wort nichts — ein Gütesiegel ist «artesisch» nicht.
Was ist artesisches Wasser?
Grundwasser liegt meist in Schichten, in denen sich der Wasserspiegel frei einstellen kann: Regen versickert, füllt Poren und Klüfte, der Spiegel steigt und sinkt mit der Witterung. Hydrogeologen sprechen dann von ungespanntem Grundwasser. Artesisches Wasser verhält sich anders. Es steckt in einer durchlässigen Schicht, die oben und unten von dichtem Gestein begrenzt ist, etwa von Ton oder Mergel. Weil es nicht nach oben ausweichen kann, steht es unter Druck – sogenanntes gespanntes Grundwasser.
Wird die dichte Deckschicht angebohrt, steigt das Wasser im Bohrloch über die Oberkante seines Grundwasserleiters hinaus. Liegt das Druckniveau sogar über der Erdoberfläche, tritt das Wasser ohne jede Pumpe aus. Erst dann sprechen Fachleute von einem frei auslaufenden artesischen Brunnen.
Wie entsteht eine artesische Quelle?
Drei Bedingungen müssen zusammenkommen, damit gespanntes Grundwasser entsteht:
- eine durchlässige, wasserführende Gesteinsschicht wie Sandstein, Kies oder geklüfteter Kalk (der Aquifer)
- wasserundurchlässige Schichten darüber und darunter, die das Wasser einschliessen
- ein Einzugsgebiet, das deutlich höher liegt als der Punkt, an dem das Wasser gefasst wird oder austritt
Typisch ist eine muldenförmige Lagerung: Tektonische Kräfte haben die Gesteinsschichten zu einer Wanne verbogen, und die durchlässige Schicht tritt an den Rändern in höherem Gelände zutage. Dort versickern Niederschlag und Schmelzwasser, wandern der geneigten Schicht entlang in die Tiefe und geraten unter die dichte Überdeckung. Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren «will» das eingeschlossene Wasser auf die Höhe seines Einzugsgebiets steigen. Reibung im Gestein dämpft den Effekt, doch das Druckniveau bleibt oft erstaunlich hoch.
Solche Systeme brauchen Zeit. Die Schichten wurden über Jahrmillionen abgelagert und verformt, und auch das Wasser selbst ist oft lange unterwegs: In grossen artesischen Becken vergehen Jahrhunderte bis Jahrtausende, bis ein Wassertropfen vom Einzugsgebiet zur Entnahmestelle gelangt.
Warum gilt artesisches Wasser als gut geschützt?
Die Deckschicht wirkt wie ein Deckel. Was an der Oberfläche geschieht, erreicht das gespannte Grundwasser kaum, denn Dünger oder Keime müssten zuerst die wasserundurchlässige Überdeckung durchdringen. Dazu kommt der Druck von unten: Solange Wasser im Bohrloch aufsteigt, kann von oben nichts nachsickern. Diese doppelte Barriere macht gespannte Vorkommen zu den am besten geschützten Grundwasserressourcen überhaupt.
Absolut ist dieser Schutz nicht. Er setzt voraus, dass die Deckschicht wirklich dicht ist und die Fassung sauber ausgebaut wurde. Ein schlecht abgedichtetes Bohrloch kann zur Eintrittspforte für Verunreinigungen werden. Und wo die Überdeckung Lücken hat, etwa entlang von Störungszonen, ist das Vorkommen verletzlicher, als das Lehrbuchschema vermuten lässt.
«Artesisch» ist keine gesetzlich geschützte Qualitätsbezeichnung. Der Begriff beschreibt die Druckverhältnisse im Untergrund und sagt nichts über die Mineralisierung oder Reinheit eines Wassers aus.
Worin unterscheidet sich ein artesischer Brunnen von Quelle und Grundwasserbrunnen?
Eine klassische Quelle folgt der Schwerkraft: Grundwasser tritt dort aus, wo der Grundwasserspiegel die Erdoberfläche schneidet, zum Beispiel an einem Hang. Ein gewöhnlicher Brunnen zapft ungespanntes Grundwasser an; das Wasser bleibt auf der Höhe des Grundwasserspiegels stehen und muss hochgepumpt werden. Beim artesischen Brunnen übernimmt der Schichtdruck diese Arbeit ganz oder teilweise.
Auch die Natur bohrt solche Brunnen. Wo Verwerfungen die Deckschicht durchtrennen, kann gespanntes Wasser von selbst aufsteigen; manche Oasen in Wüstenbecken verdanken ihre Existenz genau diesem Mechanismus. Solche natürlichen artesischen Quellen sind selten. Die meisten Quellen, auch im Alpenraum, sind gewöhnliche Schicht- oder Überlaufquellen, bei denen das Wasser der Schwerkraft folgt.
Wo gibt es artesische Vorkommen?
Das grösste bekannte Vorkommen liegt in Australien: Das Grosse Artesische Becken erstreckt sich unter rund einem Fünftel des Kontinents und versorgt weite Teile des trockenen Landesinneren mit Wasser. In Europa machten spektakuläre Tiefbohrungen im Pariser Becken das Phänomen im 19. Jahrhundert weitherum bekannt.
Gespannte Grundwasserleiter sind allerdings kein exotisches Phänomen. Sie kommen in vielen Sedimentbecken vor, auch im Schweizer Mittelland, wo Talschotter stellenweise von dichten Lehm- und Tonschichten überdeckt sind. Frei auslaufende artesische Brunnen bleiben hierzulande die Ausnahme, gespannte Verhältnisse dagegen sind verbreitet.
Was bedeutet das für natürliches Mineralwasser?
Natürliches Mineralwasser muss aus einem unterirdischen, vor Verunreinigung geschützten Wasservorkommen stammen und am Quellort abgefüllt werden – so verlangt es das Schweizer Lebensmittelrecht. Gespannte, überdeckte Grundwasserleiter erfüllen diese Anforderung besonders gut; ein artesischer Ursprung ist aber keine Voraussetzung. Entscheidend ist der Schutz des Vorkommens, nicht der Druck. Was Mineralwasser rechtlich von Quellwasser unterscheidet, lesen Sie im Beitrag Quellwasser und Mineralwasser.
Auf dem Weg durch den Untergrund löst das Wasser Mineralstoffe aus dem Gestein: Calcium und Magnesium aus Kalk und Dolomit, Sulfat aus Gips. Je länger die Passage dauert und je löslicher das Gestein ist, desto höher fällt die Mineralisierung aus. Wie sich das im Glas bemerkbar macht, zeigt der Artikel über kalkhaltiges Wasser.
Rund zwölf Jahre im Fels: So lange braucht das Wasser der Castelsquelle für seinen Weg durch die Gesteins- und Felsschichten oberhalb von Mels. Sein Versickerungsgebiet liegt auf über 2'000 m ü. M. in den Sardona-Alpen, beim UNESCO-Welterbe Tektonikarena Sardona, und am Ende dieser Passage ist es ein natürlich basisches Mineralwasser mit einem pH-Wert von 8,0. Mehr zu diesem Weg auf unserer Seite zum Ursprung.
Häufige Fragen
Muss artesisches Wasser immer von selbst an die Oberfläche sprudeln?
Nein. Gespannt heisst zunächst nur, dass das Wasser im Bohrloch über die Oberkante seines Grundwasserleiters steigt. Von artesisch gespanntem Grundwasser sprechen Hydrogeologen im strengen Sinn erst, wenn das Druckniveau über der Erdoberfläche liegt und das Wasser frei ausfliesst; im weiteren Sprachgebrauch wird jedes gespannte Vorkommen artesisch genannt. In allen anderen Fällen verkürzt der Druck lediglich die Förderhöhe, eine Pumpe bleibt dann nötig.
Kann ein artesischer Brunnen versiegen?
Ja. Wird mehr Wasser entnommen, als im Einzugsgebiet nachsickert, sinkt der Druck im Grundwasserleiter. Im Grossen Artesischen Becken Australiens haben deshalb zahlreiche Brunnen aufgehört, frei zu fliessen. Weil sich solche Systeme nur langsam erneuern, kann die Erholung Jahrzehnte dauern.
Ist artesisches Wasser gesünder als anderes Wasser?
Nein, nicht per se. Ob ein Vorkommen artesisch ist, verrät nichts über die Zusammensetzung des Wassers. Die Mineralisierung hängt vom durchflossenen Gestein ab, die hygienische Qualität vom Schutz und von der Fassung des Vorkommens. Ein artesisches Wasser kann sehr rein sein, ein Gütesiegel ist das Wort für sich genommen aber nicht.
Wie tief liegt artesisches Wasser?
Das hängt von der Geologie ab. Manche gespannte Grundwasserleiter beginnen wenige Dutzend Meter unter einer dichten Lehmschicht, andere liegen mehrere hundert Meter tief. Es kommt weniger auf die Tiefe an als auf die Abfolge der Schichten: Ohne dichte Überdeckung und ohne höher gelegenes Einzugsgebiet baut sich kein artesischer Druck auf.
Weiterlesen
Quellwasser oder Mineralwasser? Der Unterschied ist gesetzlich geregelt
Quellwasser oder Mineralwasser? Erfahren Sie, wie das Schweizer Lebensmittelrecht die beiden Kategorien trennt und woran Sie sie auf dem Etikett erkennen.
LesenGletscherwasser: Was wirklich in der Flasche ist
Gletscherwasser gilt als rein, ist aber meist sehr mineralarm. Was der Begriff bedeutet und wie er sich von natürlichem Mineralwasser unterscheidet.
LesenPiz Sardona: der Berg hinter dem Wasser
Entdecken Sie den Piz Sardona: 3'056 m hoher Grenzgipfel, UNESCO-Welterbe Tektonikarena – und Ursprung eines rund 12 Jahre gefilterten Mineralwassers.
LesenPiz Sardona
Basisches Mineralwasser mit pH 8,0 aus der Castelsquelle in Mels — zwölf Jahre durch das Gestein der Sardona-Alpen gefiltert.
Unser Wasser
